Majubs Reise in den Tod

MajubsReise_02-küche In der Hamburger Dokumentarfilmwoche läuft ein Film über den unbequemen Komparsen und Kolonialsoldaten Majub bin Adam Mohamed Hussein (alias Mohamed Husen) aus Dar es Salaam. “Majubs Reise” feiert am 12. April Hamburg-Premiere.  Obwohl ihr Material nur aus nationalsozialistischen Quellen stammt, gelingt es der jungen Regisseurin Eva Knopf, einen Husen zu präsentieren, der mehr ist als Kulisse, der nicht nur über das Bild huscht und den Dummen und den Diener spielt. Artikel “Mehr als ein Statist” auf Zeit Online: www.zeit.de

Heinz Rühmann packt den Liftboy unsanft am Revers, treibt ihn zum schnellen Fahrstuhlservice an. Ohne Widerrede verneigt sich Majub bin Adam Mohamed Hussein vor seinem rüpelhaften Gast. Neben Stars wie Hans Albers und Zarah Leander spielte der Komparse in mehr als 20 Filmen der Nazizeit. Der 1904 in Dar es Salaam geborene Lebenskünstler war aber keineswegs nur ein Statist – weder in den Schwarz-Weiß-Filmen noch im wirklichen Leben. Der unbequeme Einwanderer und ehemalige Kindersoldat der Kaiserlichen Schutztruppe hat viele Facetten. Eva Knopf zeigt sie in ihrem Dokumentarfilm „Majubs Reise“, in dem er endlich die Hauptrolle bekommen hat.

Filmakademie_MAJUBS REISE_V7-rühmannSie hatte einige Hürden zu nehmen, denn wie kann man dem Publikum einen Menschen nahe bringen, der keine Verwandten in Deutschland hat, die über ihn berichten könnten? Von dem, neben den Spielfilmen, kaum etwas blieb als ein paar Fotos, eine Autogrammkarte, ein Schreiben der Gestapo und Akten des Auswärtigen Amtes? Weil es ihr an Bildern für ihren Film mangelte, lässt Knopf ausrangierte Plastiken aus einem Schuppen der Hamburger Sternwarte ziehen: Einen erlegten Löwen aus Bronze und den Kolonialgouverneur Hermann von Wissmann. Ein Askari, ein afrikanischer Soldat der deutschen Kolonialarmee, ist auch dabei. Die Kamera kreist um die in der Kaiserzeit angefertigte Assistenzfigur, die zwar Patina angelegt hat, die aber ihre Rolle noch gut spielt, keine Forderungen stellt und hinauf zum Kolonialherrn blickt.

Während Majub bin AdamMajubsReise_03-1-Plastik Mohamed Hussein im Film weiße Befehlshaber auf seinen Schultern durchs Wasser trägt, lässt er sich in seinem kurzen echten Leben nicht in untergeordnete Rollen pressen. In Hamburg, Dar es Salaams heutiger Partnerstadt, heuert der Stewart von einem Schiff der Ostafrika-Linie ab – ausgerecht Ende der 1920er Jahre. Bei Landgängen hat er gehört, dass das Deutsche Reich ausstehenden Sold an Askaris wie ihn ausbezahlen würde. Er nennt sich eingedeutscht Mohamed Husen und besteht auf seine Rechte als ehemaliger Soldat, der mit zehn Jahren mit seinem Vater an der Seite der Deutschen gegen die Briten gekämpft und eine Schule besucht hat. In den 1930er Jahren lässt er sich Briefbögen anfertigen. Auf seinem Papier lebt der Löwe. Der Askari schreitet mit Gewehr im Anschlag voran. Einen weißen Kolonialführer ließ er nicht aufdrucken, obgleich er aus einer Söldnerfamilie stammt, die sich im Dienste der Deutschen an der militärischen Besetzung des heutigen Tansanias beteiligt hat. Neben „Deutscher Askari aus Deutsch-Ostafrika, Angehöriger der Nubier-Truppe bis 1918“ stellt er sich auch als „Lehrer für Suaheli am Auslandsinstitut“ vor.

Er heiratet im Januar 1933 die schwangere Maria Schwandner, eine Schneiderin aus Westböhmen. Bereits im Sommer desselben Jahres müssen die beiden ihre deutschen Ausweise abgeben: Fremdenpässe erhalten zu dieser Zeit viele „Schutzbefohlene“ aus den ehemaligen deutschen Kolonien – und mit ihnen ihre deutschen Ehefrauen.
Das Geld für die Familie mit drei Kindern ist knapp. Das Auswärtige Amt lehnt auch Husens Sold-Antrag ab. Der Fonds sei bereits abgerechnet, heißt es. Doch Husen bleibt hartnäckig. 1934 beantragt er sogar das Frontkämpferehrenkreuz für seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg. Als ihm auch das verwehrt wird, weil es Weißen vorbehalten sei, besorgt er sich das Abzeichen im Militaria-Handel. 1939, kurz nachdem Großbritannien den Krieg erklärt hatte, bittet Husen – erfolglos – um die Aufnahme in die Wehrmacht.

Umarmt wird er dagegen von der Kolonialbewegung, die für die Rückgewinnung der verlorenen Gebiete eintritt. Husen verkörpert den Mythos des „treuen Askari“ und darf auf Tagungen und Aufmärschen posieren. In der „Vergnügungsstätte Remde´s St. Pauli“ tritt er 1938 in einer Afrika-Revue mit Tänzerinnen und Trophäen auf. Unter dem Stoffbanner „Deutschland braucht Kolonien“ salutiert er in seiner Askari-Uniform.

MajubsReise_01-uniformWas davon für Husen bloße Show, Überlebenssicherung oder echte kolonialrevisionistische Überzeugung ist, bleibt offen. Sicher ist aber, dass er mit seinen selbstbewussten Ansprüchen bei den Behörden aneckt. Trotz Husens Einsatz für die neokoloniale Bewegung: Den Platz, der für Schwarze in jener Zeit vorgesehen ist, will der Lebemann mit seinen Frauenaffären nicht einnehmen. Die Nazis aber deportieren ihn wegen „Rassenschande“ in das Konzentrationslager Sachsenhausen, wo er drei Jahre später ermordet wird.

Obwohl ihr Material nur aus nationalsozialistischen Quellen stammt, gelingt es Knopf, einen Husen zu präsentieren, der mehr ist als Kulisse, der nicht nur über das Bild huscht und den Dummen und den Diener spielt. Die junge Regisseurin fragte sich, ob sie die herabwürdigenden Bilder ein weiteres Mal in ihrem Film zeigen und damit die Erniedrigung wiederholen soll. Sie zeigt die Original-Szenen aus NS-Spielfilmen, aber sie zoomt heran, wählt Ausschnitte, verlangsamt das Bild oder hält es besonders lange fest. Als Husen 1938 in dem Film “Eine Frau kommt in die Tropen” einen tapsigen Küchenboy spielen und „Ich bin unverbesserlich, ich bin ein Ferkel“ sagen muss, zeigt sie ihn in der Wiederholung ohne Ton. Indem Knopf die Szenen verfremdet, sorgt sie dafür, dass die Person Husen nicht unter der Propaganda begraben wird.

Majubs Reise
Eva Knopf, D 2013, 50 min, dt. OmeU
Sa 12.4. | 18 Uhr | Lichtmess | Gaußstraße 25 | Hamburg-Altona | www.lichtmess-kino.de
Gast: Eva Knopf
Programm 11. Dokumentarfilmwoche Hamburg: 9. bis 13. April 2014
 http://www.dokfilmwoche.com/index.php?id=1047

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