Erinnern statt übersehen

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Fahrräder parken vor dem Eingang, Studenten der Bundeswehr gehen unter dem Konterfei eines Kolonialverbrechers ein und aus: Sie wohnen im Trotha-Haus, einem alten Kasernengebäude, benannt nach dem Generalleutnant der deutschen Kolonialarmee, der vor 110 Jahren die Vernichtung der Herero und Nama in Namibia, der damaligen Kolonie “Deutsch-Südwest” befahl. Das Studentenheim der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr liegt auf dem Gelände der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne im Hamburger Bezirk Wandsbek. Hier soll das Stadtquartier Jenfelder Au entstehen. Aber sollen zwischen Spielplatz und Grünanlage Kolonialverbrecher geehrt werden?
Artikel von Anke Schwarzer auf Zeit Online vom 16. April 2014

Schon lange fordern Initiativen, dass die Stadt endlich einen angemessen Umgang mit den Kasernengebäuden aus der Zeit des Nationalsozialismus finden müsse. “Ignorieren und Verharmlosen ist einer modernen demokratischen Einwanderungsstadt nicht angemessen,” sagt Millicent Adjei, Mitglied im Arbeitskreis Hamburg Postkolonial und Vorsitzende des Afrikanischen Bildungszentrums. Nur, was soll mit den denkmalgeschützten Fassadenreliefs von Kolonialmilitärs wie Wißmann, Schele und Lettow-Vorbeck passieren? Soll man sie abmeißeln, kommentieren oder verzieren?

Bald könnte Bewegung in die Sache kommen, denn der Hamburger Senat bereitet ein Erinnerungskonzept für die “Aufarbeitung des Kolonialen Erbes” vor. Im Juni letzten Jahres hatte die Bürgerschaft den Senat einstimmig dazu aufgefordert. Dabei soll auch das Bau- und Denkmalensemble der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne einbezogen werden. Außerdem sollen Vertreter von Hamburgs Partnerstadt Daressalam in Tansania sowie Hamburger Vereine und Bürger mit afrikanischer Einwanderungsgeschichte beteiligt werden.

Hamburg könnte Vorreiter werden

Ein gesamtstädtisches postkoloniales Erinnerungskonzept – das gibt es bislang in keiner anderen deutschen Stadt. Hamburg wäre Vorreiter, wo es doch bislang als Schlusslicht in Sachen Postkolonialismus gilt. Viele andere Städte hatten Straßen mit Kolonialnamen wie Peters und Trotha längst umbenannt, da widmete Hamburg Welteroberern sogar noch neue Straßen in der HafenCity. Noch 2006 ließ die Stadt in Wandsbek ein Schimmelmann-Denkmal aufstellen, um den größten Sklavenhändler seiner Zeit zu ehren. Erst nach Protest wurde es wieder entfernt.

Mittlerweile findet aber das Anliegen von Wissenschaftlern und Initiativen Gehör, sich mit den Auswirkungen der Kolonialvergangenheit auf das heutige Hamburg auseinanderzusetzen. Die Bezirksversammlung Wandsbek beschloss bereits 2012, den Dominikweg und die Wißmannstraße umzubenennen, weil sie zwei Kolonialakteure ehren. Das Vorhaben ist aber laut Cornelia Stoye (Grüne), der stellvertretenden Vorsitzenden der Wandsbeker Bezirksversammlung, auf Eis gelegt, weil man auf das hamburgweite Konzept des Senats warten will.

Dass sich das Konzept des Senats aber mit den Straßennamen in den Bezirken befassen wird, ist unwahrscheinlich. Unklar ist auch, wie viel Geld Hamburg für die Projekte in die Hand nehmen will, und ob eigene Ideen für den Bericht entstanden sind – und nicht nur Vorhaben aufgeführt werden, die Fachbehörden oder Universitäten ohnehin geplant hatten.

“Als Hafen- und Handelsmetropole hat Hamburg eine besondere Verpflichtung und ein besonderes Interesse, das koloniale Erbe aufzuarbeiten”, sagt der Sprecher der Kulturbehörde, die federführend den Senatsbericht verfasst und mit weiteren Fachbehörden abstimmt. Außerdem werde eine stärkere Akzentuierung der kolonialen Vergangenheit in Museen angestrebt. Geplant seien außerdem neue Unterrichtsmaterialien für Hamburger Schulen und ein Stipendiatenprogramm, an dem Studenten aus Hamburg und Daressalam teilnehmen könnten.

“Hinter verschlossenen Türen”

Adjei vom Arbeitskreis Hamburg Postkolonial ärgert das Top-Down-Vorgehen der Kulturbehörde, die sich zuerst mit den Fachbehörden und der Universität abspreche: “Das ist typisch. Wieder einmal werden People of Colour nicht eingeladen und der Bericht wird hinter verschlossenen Türen angefertigt.”

Wann der Bericht der Bürgerschaft vorgestellt wird, sagt die Kulturbehörde nicht. Bis Ende Dezember 2013 sollte der Senatsbericht für das gesamtstädtische postkoloniale Erinnerungskonzept vorliegen. Der Beschluss dafür war einstimmig. “Mittlerweile haben wir April und noch keinen einzigen Ton vom Senat gehört. Warum diese Verspätung?”, fragt sich Norbert Hackbusch (Linke), der Vorsitzende des Kulturausschusses in der Bürgerschaft. “Der Senat hat hier die Chance, bundesweit ein Zeichen zu setzen. Stattdessen zögert er unkommentiert den Prozess hinaus.”

 

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