Gedenken mit QR-Code

Vor 100 Jahren verlor das Kaiserreich die Kolonie Deutsch-Südwestafrika, Ort des Herero-Genozids. In Hamburg wird nirgends der Opfer gedacht, obwohl man Grund dazu hätte. Mehr dazu im Artikel von Anke Schwarzer auf Zeit Online vom 8. Juli 2015. Der Hamburger Baakenhafen ist historisches Gelände. Das sollte man nicht glauben, begeht man heute das karge Gewerbegebiet gegenüber der teuren Hafencity. Wohnungen sollen hier jetzt gebaut werden. Anfang des letzten Jahrhunderts aber legten in dem Hafenbecken die Dampfschiffe der Woermann-Linie Richtung Deutsch-Südwestafrika ab. An Bord: Kaiserliche Schutztruppen, die in der Kolonie den Aufstand der Herero und Nama niederschlagen sollten. Es wurde ein Vernichtungskrieg.

Allein in den ersten 18 Monaten des Krieges, der im Januar 1904 begann, wurden rund 665 Offiziere verschifft, 196 Beamte, 14.000 Soldaten und 12.000 Pferde. Die einfachen Soldaten in den untersten Decks, die Offiziere darüber. Die Fahrt führte nach Swakopmund. Schlepper zogen die Woermann-Dampfer an den Petersenkai. Ladebäume hievten Maschinengewehre und fahrbare Funkanlagen von Frachtkähnen, Soldaten leiteten masurische Kavalleriepferde auf Rampen in den Bauch der Linienschiffe. Die Reederei des Hamburger Kaufmanns Adolph Woermann hatte sich auf die Militärtransporte ein Monopol gesichert – und wurde wegen seiner hohen Frachtraten im Reichstag kritisiert.

Der Aufstand der Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 endete im Völkermord durch die deutschen Kolonialherren. Die Kolonie, das heutige Namibia, existierte noch bis zum 9. Juli 1915 – vor genau 100 Jahren ging das Gebiet an die mit Großbritannien alliierte Südafrikanische Union unter General Luis Botha. In Hamburg weisen zahlreiche Orte auf die Kolonie und den Vernichtungskrieg der Deutschen hin. Die Auseinandersetzung um die Folgen des Krieges und die Formen des Gedenkens dauern an, in Namibia, in Deutschland und in Hamburg.

Ein Terrakottarelief mit Kolonialmilitärs

“Nichts erinnert heute an die Truppenverschiffung, dabei könnte gerade am Beispiel Hamburgs gezeigt werden, dass Kolonialismus immer auch deutsche – oder in diesem Falle Hamburgische – Geschichte ist“, sagt Jürgen Zimmerer, Geschichtsprofessor an der Universität Hamburg. Der Leiter der Forschungsstelle “Hamburgs (post-)koloniales Erbe” hat sich aus Anlass des 100. Jahrestages des Endes von Deutsch-Südwest zusammen mit zahlreichen anderen Wissenschaftlern, Theologen und Politikern mit dem Appell “Völkermord ist Völkermord!” an den Bundespräsidenten und die Bundesregierung gewandt.

 Der Aufruf fordert sie auf, den Völkermord an den Herero und Nama offiziell anzuerkennen und die Nachfahren der Genozidopfer förmlich um Entschuldigung zu bitten. Der Kolonialismus und der Vernichtungskrieg seien zwar stärker ins Blickfeld gerückt, so Zimmerer. “Aber es fehlt eine breite Verankerung dieses Wissens in der Öffentlichkeit, etwa in den Lehrplänen der Schulen oder der offiziellen Erinnerungspolitik”, bemängelt Zimmerer. Immerhin: Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hat die Massaker an den Herero in einem Beitrag der ZEIT jetzt als Genozid bezeichnet.

Nicht nur am Baakenhafen, auch sonst gibt es in Hamburg keine Stätte, die der Opfer der grausamen Kolonialgeschichte gedenkt. Stattdessen ehrt man unverblümt die Kolonialmilitärs. Im Hamburger Osten blicken Lothar von Trotha und Paul von Lettow-Vorbeck als denkmalgeschütztes Terrakottarelief von Kasernengebäuden, die heute als Studentenwohnheim der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr genutzt werden.

Der eine, Generalleutnant von Trotha, befahl vor 111 Jahren die Vernichtung der Herero und Nama. Der andere, von Lettow-Vorbeck, war sein Adjutant. Die Namen von einer Reihe ihrer Soldaten aus Hamburg hängen heute auf einer Gedenktafel in der St. Michaelis-Kirche. Umrahmt von Eichenblättern und Efeuranken. Die Tafel an einem Pfeiler neben dem Teakholzgestühl  wurde 1912 im Innenraum des Hamburger Wahrzeichens angebracht, nachdem die Kirche nach dem Brand von 1906 wiederaufgebaut und in Gegenwart des Kaisers geweiht wurde.

“Wie ist es möglich, dass ein Denkmal, das seit 1912 zur Verehrung von Kriegsverbrechern in dieser Kirche errichtet wurde, heute immer noch unangetastet dasteht?” fragte etwa Louis Henri Seukwa im September 2013, als in Hamburgs zentraler Kirche eine öffentliche Diskussion über die Frage stattfand, wie eine angemessene Erinnerung an die Kolonialkriege gestaltet werden kann.

Wie Zimmerer hat auch der Professor für Erziehungswissenschaften an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg den Appell “Völkermord ist Völkermord!” unterzeichnet. Seit Langem setzt er sich für einen neuen Umgang mit der Gedenktafel im Michel ein. Er verweist darauf, dass der Krieg gegen die Herero und Nama einer der ersten von den Deutschen begangen Genozide gewesen sei. Die Kirche sei eine Institution, die gesellschaftliche Moral produziere und eine Fürsorge für den Frieden habe.

Gedenktafel in der Hamburger St. Michaelis-Kirche

Gefallene und vermisste Hamburger Soldaten in Deutsch-Südwestafrika: Ausschnitt der Gedenktafel in der St. Michaelis-Kirche  |  © Anke Schwarzer

“An der Tafel können wir nichts ändern, weil sie unter Denkmalschutz steht, so wie die ganze Kirche”, sagt der Hauptpastor Alexander Röder. “Es war ein Völkermord, das wissen wir heute”, so Röder, “und wir würden nie die Haltung von 1912, als die wilhelminische Macht auf ihrem Höhepunkt war, einnehmen”. Aber die Tafel sei euch ein Gedenkort für die Angehörigen der gestorbenen Soldaten, zudem beachte sie die Mehrheit der Besucher überhaupt nicht, sagt Röder.

Vor knapp zwei Jahren habe Israel Kaunatjike, ein Nachfahre von Herero-Überlebenden, einen Rahmen mit Fotos von Opfern des Kolonialkrieges unter die Gedenktafel gestellt, wo sie bis heute steht. Das sei eine Form von “Gegendenkmal”, so Röder. Damals habe man auch überlegt, einen QR-Code an die Tafel zu anzubringen, um Besucher auf eine Internetseite zu leiten, die sich mit dem Thema auseinandersetze. “Aber das sei leichter gesagt als getan, so Röder.

Deutsch-britisches Konsortium mit Hamburger Beteiligung

Der Umgang mit der Tafel könne nicht “von oben” bestimmt werden, sagt Zimmerer, aber klar sei auch, dass man sie nicht unkommentiert stehen lassen könne. Würde sie so bleiben, trotz des Wissens um die Kritik, würde das einer erneuten erinnerungspolitischen Bestätigung der ursprünglichen Botschaft gleichkommen. “Und das kann niemand wollen”, so Zimmerer. Eine kritische und reflektierte Auseinandersetzung mit der Geschichte rassistischer Verbrechen sei eine Voraussetzung für dessen Überwindung.

Anlässe dafür gäbe es genug. Allein am Michel ist es nicht nur die Gedenktafel. Das neue Dach der Kirche hat die Hamburger Kupferhütte Aurubis gesponsert. Ihr Vorläufer, die Norddeutsche Affinerie, bezog Kupfererze aus Deutsch-Südwestafrika. Dort hatte sich die Situation der Herero verschärft, als 1900 die “Otavi-Minen-und Eisenbahn-Gesellschaft” gegründet wurde. In der Region Otavi waren Kupfervorkommen entdeckt worden, die abgebaut und per Zug zum Hafen durch das Herero-Gebiet transportiert werden sollten. Land beiderseits der Bahnlinie sowie die Wasserrechte sollten unentgeltlich abgetreten werden. Männer, Frauen und Kinder mussten die Strecke in Zwangsarbeit bauen.

An dem deutsch-britischen Konsortium waren auch Kaufleute und Banken aus Hamburg beteiligt, etwa die Norddeutsche Bank. In Bahrenfeld erinnert der Otawiweg heute noch an diesen Teil der Geschichte.

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