Gedenken an Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân

IMG_6814Auf einer Kundgebung am 22. August 2015 forderte die Initiative zum Gedenken an Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân erneut die Umbenennung der Hamburger Halskestraße. Dort wurden die beiden Vietnamesen Opfer eines rassistisch motivierten Brandanschlags. Dieser jährte sich im August 2015 zum 35. Mal. Der Redebeitrag der Ramazan Avci Initiative schlug auch einen Bogen zur Gegenwart: “Wenn wir heute, 35 Jahre nach den rassistischen Morden an Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân hier sind, um ein würdiges Gedenken für die beiden zu fordern, dann tun wir dies nicht nur aus biographischen oder historischen Gründen.Die Gegenwart und die Zukunft können wir nicht verstehen, wenn wir die Vergangenheit nicht kennen. Das Erinnern an rassistische Morde, ist auch ein Kampf, sich die Zukunft zu bewahren und im Idealfall selbst zu bestimmen.” Damals wie heute würden Menschen ihr Lebensumfeld auf der Suche nach Schutz vor Krieg, Vertreibung, sexueller Ausbeutung und Hunger verlassen. “Damals wie heute, sitzen diese Menschen zusammengepfercht in Booten und begeben sich auf eine lebensgefährliche Flucht. Die vietnamesischen boat-people von damals sind die boat people des Mittelmeeres von heute. Damals wie heute, brennen wieder Flüchtlingsunterkünfte und es findet eine rassistische Mobilisierung statt.

IMG_6820Damals wie heute, werden Kategorien von Flüchtlingen geschaffen. Die boat-people waren die guten und die Roma die schlechten. Gute syrische oder irakische Bürgerkriegsflüchtlinge gegen schlechte „Balkanflüchtlinge“. Es wird suggeriert: Syrer und Irakis würde man gerne aufnehmen, wenn nicht die Flüchtlinge aus dem Balkan kämen. Roma haben auf dem Balkan kein Zuhause! Sie erfahren vielfache rassistische Diskriminierung” so die Ramazan Avci Initiative.

Verübt wurde der Anschlag auf die Flüchtlingsunterkunft in der Hamburger Halskestraße in der Nacht zum 22. August 1980 von zwei Mitgliedern der terroristischen Neonazigruppe „Deutsche Aktionsgruppen“. Bis heute erinnert in Hamburg nichts an den Tod von Đỗ Anh Lân und Nguyễn Ngọc Châu. Die ehemalige Flüchtlingsunterkunft ist inzwischen ein Hotel. Die Initiative freut sich über weitere Unterstützer_innen, die den Aufruf unterzeichnen. Außerdem fordert sie neben der Straßenumbenennung auch die entsprechende Umbenennung der Bushaltestelle am Tatort sowie eine fest installierte Gedenktafel, die die Ereignisse dokumentiert und an die beiden Opfer erinnert. “Die Taten gelten als die ersten dokumentierten rassistisch motivierten Morde nach 1945, auch wenn es sicher eine Dunkelziffer zwischen 1945 und 1980 gibt”, sagt der Politikwissenschaftler Kien Nghi Ha.

Beiträge auf der Kundgebung am 22. August 2015

Einleitender Redebeitrag der Initiative für ein Gedenken an Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân

Vorstellung der Initiative und Worte zum Umgang des AMEDIA-Hotels mit dem Gedenken

Redebeitrag der Ramazan Avcı Initiative, Hamburg

Grußbotschaft der Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak B., Berlin

Medienberichte zum 22. August 2015

Schwarzer, Anke: “Leider konnten wir sie nicht richtig kennenlernen”, ZEIT ONLINE, www.zeit.de, 21.08.2015

Haarmeyer, Jan: “Gedenken: Die vergessenen Morde in Hamburg “, Hamburger Abendblatt, 24.08.2015

 

Transpi1Aus dem Aufruf der Initiative: “Wir wollen erreichen, dass diese jahrzehntelang unbeachteten und verdrängten Morde als Teil der Hamburger Geschichte öffentlich wahrgenommen und anerkannt werden und die Erinnerung daran gewahrt wird. Dafür muss eine dauerhafte, sichtbare Form im öffentlichen Raum gefunden werden.

Warum sind das Gedenken und die Erinnerung wichtig? In der Auseinandersetzung um die Erinnerung an die Opfer rassistischer Morde gilt es, Position zu den Taten zu beziehen und Solidarität gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen zu zeigen. Vergessen bedeutet in diesem Fall, die Taten durch Desinteresse zu dulden. Sich erinnern heißt, die Voraussetzung dafür zu verbessern, Neonazismus und Neonazis zu ächten. Sich erinnern heißt auch, die rassistischen Grundströmungen zu bekämpfen, die gesellschaftlich und institutionell wirksam sind.

Rassistische Gewalt ist allgegenwärtig. Angesichts der hohen Zahl der durch Neonazis verübten Morde im gesamten Bundesgebiet ist die Erinnerung daran erschreckend wenig präsent. Die wenigen Straßenumbenennungen, Denkmäler oder Gedenktafeln, die es gibt, wurden oft gegen große Widerstände durchgesetzt. Häufig entsprechen sie nicht den Wünschen der Angehörigen oder sind in der Form und inhaltlichen Aussage unbefriedigend. Wir wollen keine institutionalisierte Erinnerungskultur, die jegliche Verantwortung von sich weist. Wir werden staatliche Institutionen jedoch auch nicht aus der Verantwortung für die Geschichte entlassen.

Sich erinnern heißt, die Opfer aus der Anonymität der Tat zu reißen, ihnen wieder Namen und Gesichter zu geben und ihre Geschichten zu erzählen.”

 

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