»Das hat mich sehr erschüttert«

jephtaInterview mit Jephta Nguherimo über den Völkermord an den Herero und Nama und koloniale Geschmacklosigkeiten in Hamburg: Der Aktivist und Forscher lebt in Washington, D.C. und ist Mitbegründer des Ovaherero/Mbanderu and Nama Genocide Institute (ONGI) in den USA. Er beteiligte sich an der Organisation der ersten transnationalen Konferenz zum deutschen Völkermord an den Ovaherero und Nama mit dem Titel »Restorative Justice after Genocide«, die Mitte Oktober 2016 in Berlin stattfand. Mehr als 50 Vertreter der Ovaherero und Nama aus Namibia, den USA, Deutschland, Kanada und Großbritannien sowie etwa 100 weitere Teilnehmer beschäftigten sich mit der aktuellen Auseinandersetzung um Entschuldigung und Entschädigung. Begleitet wurde der Kongress von Protesten, darunter ein Marsch zum Berliner Schloss samt Humboldt-Forum, dem Ort der ehemaligen Residenz des für den Völkermord von 1904 bis 1908 verantwortlichen Kaisers Wilhelm II. (Foto: privat)

 

Welchen Eindruck haben Sie von der öffentlichen Meinung gewonnen, die in Deutschland über den Umgang mit dem Völkermord an den Herero und Nama zu hören ist?
Als ich Deutschland 2004 besucht habe, gab es ein großes Informationsdefizit. Leute, mit denen ich mich getroffen habe, verstanden überhaupt nicht, worüber ich eigentlich spreche. Heute haben viele schon etwas darüber gehört und wollen mehr darüber erfahren. Insofern gibt es einige Fortschritte, aber gleichzeitig gibt es auch noch viel zu tun.

An was denken Sie dabei?
Nach der Konferenz habe ich Hamburg besucht. Dort gibt es ein altes Kasernengelände in Jenfeld. Es hat mich sehr überrascht und erschüttert, dass dort junge Leute in Heimen der Bundeswehruniversität untergebracht sind, die nach kolonialen Befehlshabern benannt sind, darunter auch von Trotha, der als Generalleutnant die Vernichtung der Herero und Nama befahl. Einer der jungen Studenten wusste nicht einmal, wer von Trotha war und ein anderer meinte, er wisse es, dürfe aber nicht darüber sprechen. Ich frage mich, was ihnen über von Trotha erzählt wurde und warum sie nicht darüber sprechen möchten.

Mich persönlich irritiert und wundert es, dass Menschen in Häusern wohnen, die nach Kolonialmilitärs benannt sind, die so mitleidlos waren und sehr viele Menschen in Kamerun, Tansania und Namibia getötet haben. Es wäre in Deutschland sicher nicht mehr möglich, dass Häuser nach Militärs des Nationalsozialismus benannt sind. Aber aus irgendeinem Grund hat man diese Häuser hier erhalten. Das ist ein Widerspruch und zeigt die koloniale Präsenz in der Stadt. Das hat mich entsetzt und hier muss etwas getan werden. Gruppen wie Hamburg Postkolonial oder Berlin Postkolonial haben schon einen enorm wichtigen Beitrag geleistet, diese Aspekte öffentlich zu machen, aber vielleicht brauchen sie unsere Hilfe, damit sich tatsächlich im Stadtbild etwas verändert…

Weitere Spuren des Völkermords an den Herero und Nama in Hamburg

Ausführliches Interview mit Jephta Nguherimo in der Jungle World, 3.11.2016 [pdf]

Weitere Websites und Texte:

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